Unglaubliche 101,9 km und 5480 Höhenmeter sind beim Zugspitz Ultratrail zurückzulegen: Lisa Mehl brauchte für diese Strecke 13:54 Stunden und siegte damit haushoch überlegen mit 1:11 Stunden Vorsprung vor der Zweitplatzierten. Ihr persönlicher Höhepunkt der Ultra-Berglaufsaison 2017 war jedoch die Umrundung des Mont-Blanc-Massivs, der Ultra Trail Mont Blanc (UTMB).


Ein Bericht von Lisa Mehl: „Der Ultra Trail Mont Blanc ist ein Langdistanzrennen von circa 170 km durch die Länder Frankreich, Italien und der Schweiz mit einer internationalen Topbesetzung, sozusagen die Olympiade des Ultramountainrunnings. Obwohl es sich hier um die Umrundung, nicht die Besteigung des gewaltigen Bergmassivs handelt, zeigt die GPS-Uhr nach der Ziellinie fast 10.000 Höhenmeter an. Voraussetzung für eine Teilnahme ist der Nachweis verschiedener Qualifikationsläufe. Startplätze werden normalerweise anhand einer Lotterie vergeben. Aufgrund meiner Ergebnisse in den Qualifikationsrennen erhielt ich einen Elite-Startplatz ohne Losverfahren. Doch der Reihe nach...
Einer dieser Qualifikationsläufe war der Zugspitz Ultra Trail. Diese Veranstaltung gehört mittlerweile zu den populärsten im deutschsprachigen Raum und ist für mich fast schon ein Pflichttermin. Als ich mit dem Ultratraillaufen begann, sagte ein Bekannter im Jahr 2013 zu mir: „Lisa, ein echter Ultraläufer ist man erst nach 4-5 Jahren“. Heute weiß ich, dass er auf den Aspekt der Erfahrung anspielte, die man zwangsläufig bei den unterschiedlichsten Rennen sammelt. Ich mag Crossläufe und schnelle Straßenrennen, aber beim Ultralaufen am Berg zählen andere Herausforderungen: Der lange Zeitraum, ein Start in den frühen Morgenstunden, das Laufen in der Nacht, Witterungseinflüsse von Schneesturm bis Hitze, schroffes Terrain, Tiere, Gepäck und Verpflegung, Höhendifferenzen bergauf und bergab, Beine, die irgendwann müde und bleischwer werden und nicht zuletzt der Kopf, der Dein Unterfangen infrage stellt.
Meine Strategie im Hinblick auf dem UTMB stand schon lange vor dem Start am Mont Blanc: Der Zugspitz Ultratrail sollte meiner Vorbereitung auf den UTMB dienen und ich ging das Rennen an, als würde ich gar keine Startnummer tragen. Keinesfalls wollte ich mich von der Konkurrenz im Tempo beeinflussen lassen, sondern stets in meiner „Wohlfühlgeschwindigkeit“ die An- und Abstiege nehmen. Überraschend lag ich bereits nach wenigen Kilometern in Führung, die ich halten und ausbauen konnte. Mein Ziel war, vor Eintritt der Dunkelheit zurück in Grainau zu sein, um mir das Laufen mit Stirnlampe zu ersparen. Nach dem Zugspitz Ultratrail war der Eiger Ultra Trail am 15./16.07.2017 in der Schweiz der zweite Vorbereitungslauf für den UTMB. (Anm. d. Red.: Ergebnis von Lisa Mehl: 101 km, 6700hm, 6. Platz offene Klasse, 2. Platz in der Altersklasse in 15:22 Std!) Die 100 Meilen am Mont Blanc konnten kommen. Am 1. September 2017 um 18.00 Uhr fiel der Startschuss im Bergsport-Mekka Chamonix und ich trat meine bisher längste Laufreise an, angefeuert von einer tosenden Zuschauermenge am Streckenrand. Wieder galt es, mich nicht von der Starteuphorie und den ambitionierten Teilnehmern mitreißen zu lassen. Beim UTMB erreichen ein Drittel der Starter nicht das Ziel. Dieses Risiko wollte ich unter keinen Umständen eingehen und ging die ersten 30 Kilometer verhalten an. Die Strecke führte anfänglich durch mehrere kleine Dörfer. Dort herrschte Ausnahmezustand und Volksfeststimmung bei sommerlichen Temperaturen. Aber schließlich wurde es Nacht mit tiefer Dunkelheit, regnerisch und bitterkalt.
Hier half nichts anderes, als sich in eine Schlange von Läufern einzureihen und die langen Anstiege zu nehmen. Noch nie habe ich mich so sehr nach einem Sonnenaufgang und Tageslicht gesehnt. Eines lernt man beim Ultralaufen: Alles geht vorüber und irgendwann wird’s wieder gut! Zum Tagesanbruch, bereits in Italien, wurde ich mit einem Sonnenaufgang belohnt, der die Süd-Ostseite des Mont Blancs und dessen Gletscherwelt zum Leuchten brachte. Während des zweiten Tages auf der Strecke wurde der Wunsch immer präsenter, möglichst wenig in der zweiten Nacht laufen zu müssen. Der Plan ging leider nicht auf. Im Gegensatz zur ersten Nacht war das Teilnehmerfeld so auseinandergezogen, dass ich allein auf weiter Flur am letzten Anstieg zur Gondelstation Refuge La Flegere war. Wären es nicht „nur“ noch 8 Kilometer bis Chamonix gewesen, hätte ich mich dort oben zum Schlafen hingelegt. Nach einer wärmenden Nudelsuppe riss ich mich also nochmals zusammen und kam am frühen Sonntag nach „nur“ 168 km (der Lauf wurde wegen Schneefalls um 3 km verkürzt) und 33.20 Stunden ins Ziel in Chamonix. In der Damenwertung bedeutete dies einen 29. Platz und das beste deutsche Resultat.“
Im März 2017 wurde Lisa Mehl in Hamburg Deutsche Polizeimeisterin im Marathon und wird auch zukünftig für die Polizei Baden-Württemberg an Meisterschaften teilnehmen. Am 12. Mai 2018 wird sie beim „Transvulcania Spacerunners Ultramarathon“ auf der Kanareninsel La Palma starten. Dazu hat sie sich für das 100-Meilen Rennen „Western States Endurance Run“ am 23./24. Juni 2018 in der Olympiastadt Squaw Valley in Kalifornien beworben. Lisa Mehl arbeitet in Esslingen bei der Kriminalinspektion 2 der KPDir des PP Reutlingen.