Als zweiter Beitrag der angekündigten Serie folgt ein Interview mit der Siebenkämpferin Carolin Schäfer.
Die achtundzwanzigjährige Polizeioberkommissarin ist Mitglied der Sportfördergruppe des Landes Hessen und startet für die LG Eintracht Frankfurt.
Ihre Bestleistung im Siebenkampf beträgt aktuell 6836 Punkte .








Wir konnten mit Carolin Schäfer vor ihrem Training an der Polizeiakademie Hessen (HPA) in Wiesbaden sprechen.

Halle, Fitnessraum und Schwimmbad sind aufgrund der Anti-Corona-Maßnahmen auch für die Spitzensportlerinnen und Spitzensportler nach wie vor gesperrt.
Der Außenbereich mit der Tartanbahn darf seit der 17. Kalenderwoche wieder unter Auflage genutzt werden.









Sportgelände an der HPA



Carolin, Du bist eine der erfolgreichsten Hessischen Sportlerinnen und kannst bereits mit 28 Jahren auf bemerkenswerte Erfolge zurückblicken. 2014, 2017 und 2018 warst Du jeweils Hessens Sportlerin des Jahres. 2016 nahmst Du an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil und konntest im Siebenkampf einen hervorragenden 5. Platz belegen. Auch für die Spiele in Tokio bist Du wieder qualifiziert. Für dieses Ereignis hast Du Dich zielgerichtet über einen längeren Zeitraum, ich glaube wir können hier durchaus von Jahren sprechen, vorbereitet.
Was hast Du empfunden, als Du erfahren hast, dass der Termin für die Durchführung gefährdet war und später die Spiele auf das kommende Jahr 2021 verschoben wurden?

Es war im Trainingslager in Süd-Afrika, als mir klar wurde, dass es Probleme mit der Durchführung der Spiele in diesem Jahr geben könne. Da sie aber erst Ende Juli / Anfang August stattfinden sollten, hoffte ich zunächst, dass man es irgendwie doch schaffen könne sie durchzuführen oder noch im gleichen Jahr verlegen zu können.
Später zurück in Deutschland, ich kam in einer Topform zurück, konnten wir nicht mehr an unsere gewohnten Trainingsstätten, da diese gesperrt worden waren. Mir gelang es auch meine Form beizubehalten, indem ich viel im Freien lief und auch zu Hause trainierte.
Von der Verschiebung der Spiele auf 2021 habe ich durch das Internet über Focus Online erfahren. Ich muss sagen, ich war zunächst etwas geschockt, aber endlich hatten wir Sportler Klarheit und konnten uns der Situation entsprechend anpassen. Für mich war bis zu diesem Zeitpunkt alles hervorragend gelaufen. Ich war in einer top Form und verletzungsfrei. Alles war auf die zwei Tage in Tokio ausgerichtet.
Seit Oktober des vergangenen Jahres habe ich ein neues Trainerteam. Durch die damit verbundenen Umstellungen habe ich gemerkt, dass ich noch Reserven habe. Mein großes Ziel ist eine Medaille 2021 in Tokio. Die Farbe der Medaille ist mir da nicht so wichtig.








Carolin, Du hast es ja eben bereits kurz angesprochen. Es ist Dir derzeit nicht möglich an den von Dir gewohnten Orten zu trainieren. Wie hat sich Corona auf Deinen Tagesablauf ausgewirkt?

Ich trainiere nach einem auf mich abgestimmten Trainingsplan, bei dem momentan die technischen Disziplinen nicht wie gewohnt ausgeführt werden konnten. Nicht nur, dass ich nicht mehr an die gewohnten Sportstätten konnte, ich vermisse auch mein Trainerteam und meine Trainingspartner. Die Physiobetreuung will ich hier auch nicht unerwähnt lassen.
Siebenkampf ist zwar aber eine Individualsportart, aber man vermisst dann doch das Team. Seit dem 21. können wir zumindest wieder zu dritt auf die Trainingsplätze, das heißt zwei Sportler und ein Trainer. Corona hat aber auch den Nebeneffekt, dass zurzeit alles etwas ruhiger ist. Der tägliche Ablauf ist etwas entschleunigt.




Carolin Schäfer zieht einsam ihre Runden




Aktuell finden ja keine Wettkämpfe statt. Könntest Du Dir in naher Zukunft Veranstaltungen ohne Zuschauer vorstellen?

Für die Gewährleistung der Gesundheit der Zuschauer im Stadion und für eine Weiterführung des Sportes, wäre es von Vorteil. Für eine Standortbestimmung ist es für mich von enormer Wichtigkeit. Mein Team und ich wünschen uns, dass wir die bereits guten Trainingsleistungen noch einmal im Wettkampf unter Beweis stellen können. Nur so ist es uns möglich zu erkennen, was unter Wettkampfbedingungen bereits richtig gut läuft und woran wir noch arbeiten müssen.
Aber ein Wettkampf mit den Zuschauern im Rücken ist eine ganz andere Sache. Da hast du ein anderes Feeling und kannst noch einmal 5% mehr aus dir heraus kitzeln.






Du bist in der Sportfördergruppe des Landes Hessen. Hast Du dort öfter Kontakt zu den anderen Kolleginnen und Kollegen?

Wir sind ja fast alle in unterschiedlichen Sportarten aktiv. Da trifft man sich fast nur bei Sportlerehrungen oder Polizeiveranstaltungen.



Carolin, wieso hast Du Dich bei Deiner Berufswahl für die Polizei entschieden und wie stellst Du Dir Deinen weiteren Werdegang vor?

Mein Bruder ist ebenfalls bei der Hessischen Polizei und war auch als Leichtathlet, er lief die 400 Meter und die 400 Meter Hürden, in der Sportfördergruppe. Insofern wusste ich, was mir der Polizeiberuf und die Sportfördergruppe für Möglichkeiten eröffnet.
Ich liebe die Vielfalt und Abwechslung nicht nur in meinem Sport. Aus diesem Grund habe ich mich bei meiner Berufswahl für die Polizei entschieden. Mich reizen hier die unterschiedlichen Aufgabenbereiche und Möglichkeiten.
Einige Bereiche der Schutzpolizei konnte ich im Praktikum bereits kennenlernen. Derzeit bin ich jedoch freigestellt und kann mich voll auf den Sport konzentrieren. Dass mir das bei der Polizei ermöglicht wird, dafür bin ich dankbar. Ohne die Sportfördergruppe wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
In meiner Ausbildung, die eineinhalb Jahre länger war als die reguläre, war ein hohes Maß an Selbstdisziplin angesagt. Während andere Sportler nach dem Training ihre Freizeit genießen konnten, habe ich mich voll auf mein Studium konzentriert. Ziel für mich war, meinen Abschluss mit einer Note abzuschließen, mit der mir alle Möglichkeiten für später offenstehen.
Mir ist natürlich auch klar, dass meine sportliche Kariere irgendwann zu Ende sein wird. Da bin ich natürlich froh, dass mir dann bei der Polizei eine gute berufliche Perspektive geboten wird.




Du kommst ja aus einer Familie, bei der Sport einen hohen Stellenwert einnimmt. Begleiten Dich Deine Eltern auch auf Wettkämpfe außerhalb Deutschlands?

Meine Eltern sind bei jedem Wettkampf dabei. Sie waren bei den Olympischen Spielen in Rio und hatten auch schon alles gebucht für Tokio. Bisher gibt es nur eine Ausnahme. Ganz am Anfang, es war mein erster internationaler Wettkampf bei den Erwachsenen und der fand 2012 in Helsinki statt, den erlebten meine Eltern zu Hause am Fernseher. Bei meiner Rückkehr sagten sie, dass es für sie unter diesen Umständen viel schlimmer gewesen sei, als im Stadion mitzufiebern und dass sie so etwas nicht noch mal so erleben wollten.
Es ist schon ein super Gefühl zu wissen, dass die Eltern auf der Tribüne sitzen und einem die Damen drücken. Meine Mutter zieht immer etwas farblich Auffälliges an und da ich ja weiß, welchen Sitzplatz meine Eltern haben, finde ich sie sehr schnell um einen Blickkontakt herzustellen zu können.





Das DPSK bedankt sich bei Carolin Schäfer und wünscht ihr für die sportliche Zukunft, dass sie die angesprochenen "Reserven" mobilisieren kann, um sie bei den Olympischen Spielen von "TOKIO 2020" (der Name wird in 2021 übernommen) im kommenden Jahr in eine Medaille umzumünzen.


Interview Manfred Schäfer
(Geschäftsstelle DPSK)