Unser vierter Beitrag der Interview-Serie in 2020. Kerstin Hirscher, eine schon seit Jahren sehr erfolgreiche Leichtathletin und Polizeibeamtin aus Bayern.
Sie konnte in diesem Jahr ihren Titel als deutsche Polizeimeisterin im Crosslauf im Saarland erfolgreich verteidigen. Gleiches war ihr im Vorjahr in der Disziplin 800 Meter und 1500 Meter in Göttingen gelungen.








Kerstin Hirscher ist nicht nur bei Wettkämpfen innerhalb der Polizei zu finden. Sie nahm auch an vier Deutschen Meisterschaften teil und konnte im August 2019 in Berlin über die 1500 Meter mit einer persönlichen Bestzeit von 4:18 Minuten einen hervorragenden fünften Platz belegen. Über die gleiche Disziplin ist sie amtierende Bayerische und Süddeutsche Meisterin.

Kerstin im Gegensatz zu den zuvor interviewten Sportlerinnen und Sportlern hast Du keine Freistellung. Das bedeutet für Dich, dass Du Sport und Dienst unter einen Hut bringen musst. Wie gelingt es Dir neben Deinem Beruf noch so eine erfolgreiche Sportlerin zu sein?

Bis Anfang 2018 war ich noch bei der Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei in Königsbrunn. Es gestaltete sich immer schwieriger für mich, auf hohem Niveau zu trainieren, da wir meistens den ganzen Tag oder auch die ganze Nacht unterwegs waren und auch fast jedes Wochenende Dienst hatten.
Ich entschied mich dann dafür in die Ausbildung zu wechseln, um weiterhin als Polizeiausbilderin zu fungieren. Der Vorteil hierbei ist, dass ich regelmäßigen Dienst habe und die Wochenenden im Regelfall frei sind. Außerdem weiß ich, dass ich spätestens um 17 Uhr Dienstschluss habe und dann meinem Training nachgehen kann.
Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass ich innerhalb der V. Abteilung die Möglichkeit habe, jederzeit auf der Rundbahn trainieren zu können, auch die Halle und der Kraftraum stehen mir zur Verfügung. Somit spare ich mir längere Wege zu Trainingsunterkünften.
Den Erfolg habe ich zum größten Teil meinem Trainer Georg Kusterer zu verdanken. Er war ebenfalls Polizeiausbilder in Königsbrunn und ist seit einigen Jahren in Pension. Wir treffen uns mindestens vier Mal die Woche, um die härteren Einheiten gemeinsam zu absolvieren. Denn komplett alleine würde es mir zunehmend schwerfallen. Nicht nur beim Training ist Georg dabei, auch bei allen Wettkämpfen unterstützt er mich und ist immer vor Ort.
Ohne den Rückhalt meiner Kollegen und der Abteilungsführung könnte ich sehr wahrscheinlich auch nie die optimale Leistung erbringen. Die mentale Unterstützung ist mindestens genauso wichtig wie die physische. Großes Verständnis bekomme ich auch von meiner Familie und meinen Freunden, denn das Training und die Wettkämpfe nehmen sehr viel Zeit in Anspruch.
Da ich mir auch immer wieder die Fragen stelle, „Was will ich erreichen?“„Wie will ich mein Ziel erreichen?“, und mir die Antworten jeweils vor Augen halte, spornt mich zunehmend an. Natürlich sind es auch die Erfolge und auch die Misserfolge, die mich immer wieder pushen.






Man findet Dich bei Wettkämpfen auf den Teilnehmerlisten der 400 Meter, 800 Meter und 1500 Meter.
Welche ist davon Deine Lieblingsstrecke?

Die größten Erfolge habe ich meiner Paradedisziplin von 1500m zu verdanken. Zwar möchte ich mich über 400m und über 800m auch noch steigern, aber im absoluten Fokus stehen die 1500 Meter.
Meistens heißt es hier bei Meisterschaften nicht nur schnell laufen, sondern auch taktisch laufen und immer dabei sein, um am Schluss „Vollgas“ geben zu können. Das ist nicht immer einfach, da es auch viel Gerangel gibt und die Sturzgefahr hoch ist.
Sehr gerne würde ich mich aber auch mal den 3000m (evtl. auch Hindernis) und den 5000m stellen.



Kerstin, Deine Bilanz der zurückliegenden Hallensaison kann sich sehen lassen. Du bist bayerische Hallenmeisterin über 800 und 1500 Meter, süddeutsche Hallen-Vizemeisterin über 1500 Meter und Vierte der Deutschen Meisterschaft geworden. Das alles spricht dafür, dass Du in einer top Form bist. Aktuell werden keine Leichtathletikwettkämpfe aufgrund der Corona-Krise ausgetragen. Die Deutschen Meisterschaften 2020 in Braunschweig werden neu terminiert. Wie geht eine Sportlerin wie Du mit dieser Situation um und rechnest Du damit, dass in diesem Sommer noch Wettkämpfe in Deutschland ausgetragen werden?

Es fühlt sich schon komisch an, keine Wettkämpfe bestreiten zu können und trotzdem auf die eventuell bevorstehenden Wettkämpfe zu trainieren. Auf jeden Fall rechne ich damit, dass dieses Jahr noch Wettkämpfe ausgetragen werden - so habe ich auch immer ein Ziel vor Augen. Es wäre sonst viel schwieriger, weiterhin so hart zu trainieren. Allerdings gehe ich davon aus, dass frühestens Ende Juli oder Anfang August kleinere Sportfeste stattfinden könnten.


(Kerstin Hirscher mit ihrem Trainer Georg Kusterer)



Wie hat sich Dein Training durch die Corona-Krise verändert?

Für mich gab es nur sehr kleine Einschränkungen, da ich in der Vorbereitungsphase generell sehr viel im Wald trainiere. Ein paar Bahneinheiten sind mir Ende April flöten gegangen, aber das zu kompensieren ist normalerweise kein Problem. Im Wald hat mein Trainer verschiedene Strecken abgemessen und abgesteckt, somit konnte ich meine Tempoeinheiten gut durchziehen.
Seit 2018 trainiere ich komplett alleine, lediglich mein Trainer ist dabei. Deshalb tangiert mich die Kontaktregelung eher weniger.
Athletik- und Stabilisationstraining mache ich alles zu Hause auf der Matte. Ein paar Utensilien, wie „Rubberbänder“, Kurzhanteln, Springseil, Gewichtsbälle und ein Wackelbrett, habe ich mir so nach und nach angeschafft.



Du bist ja mehrfache Deutsche Polizeimeisterin über die 1500 Meter. In Berlin belegtest Du in dieser Disziplin einen hervorragenden fünften Platz bei den Deutschen Meisterschaften. Was zählt für Dich mehr, der Titel der Deutschen Polizeimeisterin oder die Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften?

Für mich zählen die Deutschen Meisterschaften und die Deutschen Polizeimeisterschaften gleich viel. Klar ist die Konkurrenz bei Deutschen Meisterschaften deutlich größer, aber den Deutschen Polizeimeistertitel zu holen ist jedes Mal ein absolutes Highlight. Vor allem weil ich hierbei das Bundesland Bayern und auch das Team Bayern repräsentiere.


Vom 6. bis 9. Oktober 2020 sind die Europäischen Polizeimeisterschaften im Crosslauf in Belarus/Weißrussland terminiert. Als Deutsche Polizeimeisterin bist Du nominiert.
Welche Chancen rechnest Du Dir bei diesem Wettkampf aus?

Erstmal hoffe ich wirklich sehr, dass die Europäischen Polizeimeisterschaften in Belarus auch stattfinden. Da es meine ersten Europäischen Polizeimeisterschaften wären, kann ich das noch gar nicht richtig einschätzen. Aber wir haben ein unglaublich starkes Team - es sind ja schon drei Polizistinnen aus Bayern nominiert. Ein Podestplatz müsste meiner Meinung nach drin sein.





Du bist Ausbilderin bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Königsbrunn.
Welche Punkte waren ausschlaggebend für Deine Berufswahl der Polizeibeamtin?

Nachdem ich meine erste Ausbildung als Sport- und Fitnesskauffrau abgeschlossen hatte, wollte ich doch noch meinen Kindheitstraum den Beruf der Polizistin verwirklichen. Mit 22 Jahren habe ich dann die Ausbildung in Königsbrunn begonnen.
Während der Ausbildung habe ich für mich das Laufen entdeckt. Zuvor war ich überwiegend im Kraftsportbereich tätig. Als ich dann 2012 meinen ersten Bahnwettkampf bei den Bayerischen Polizeimeisterschaften bestritt - 5000m in 20:02 Minuten - trat ich einem Sportverein bei.
Nach der Ausbildung bin ich dann direkt zur Einsatzhundertschaft gekommen. Neben Fußballeinsätzen, Demonstrationen, G7 und G20, Flüchtlingswelle und Grenzkontrollen, war es zunehmend schwierig auf hohem Niveau trainieren zu können. Deshalb entschied ich mich im Jahr 2018 in die Ausbildung zu wechseln, um dort als Polizeiausbilderin zu fungieren.



Kannst Du uns noch etwas zu Deinen sportlichen und beruflichen Zielen berichten?

Mein absoluter Traum ist es, bei Deutschen Meisterschaften einen Podestplatz zu erreichen. Wenn es weiterhin so gut läuft, ist das auch im Bereich des Möglichen. Ein weiteres großes Ziel ist es, bei den Europäischen Polizeimeisterschaften Leichtathletik 2022 teilzunehmen und dann auch gut abzuschneiden.
Beruflich möchte ich mich weiterentwickeln und den Aufstieg in die dritte Qualifikationsebene erreichen.



Wenn man Dich in den sozialen Medien verfolgt, so findet man sehr viele Sportbilder. Ich kann mich aber auch an Fotos mit einem Hund und mit Motorrädern erinnern.
Wie sieht es bei Dir mit Hobbys aus?

Wenn es die Freizeit erlaubt, bin ich wahnsinnig gerne unterwegs. Sei es ein Motorradausflug mit meinen Freunden und/oder meiner Familie oder in meiner Saisonpause mit meinem Camper nach Norwegen oder in andere Gebiete, um die schöne Natur zu genießen.



Fotos: Helmut Stocker
Interview: Manfred Schäfer